Spitzwegerich-Sirup selber machen: Das Kraut, auf dem du wahrscheinlich gerade stehst
Spitzwegerich wächst auf fast jedem Weg in Deutschland, und die meisten mähen ihn weg. Dabei ist er das klassische Hausmittel bei Mückenstichen und die Basis eines traditionellen Hustensirups, der ohne Kochen und ohne Gerät im Schraubglas entsteht. Erkennen, ernten, schichten, warten.
Wann das dran ist
Erst wieder ab Anfang MaiSpitzwegerich
Thymian
Salbei
Saison: Sommer, Herbst. Grün: ideal, Gelb: noch möglich, Rahmen: aktueller Monat. Angaben für mittlere Lagen in Süddeutschland (etwa 300 m); Norden ein bis zwei Wochen später, Weinbauklima ein bis zwei Wochen früher, Alpenraum bis zu drei Wochen später.
Im September, wenn die Wiese zum letzten Mal gemäht wird, lohnt es sich, eine Ecke stehen zu lassen. Dort wächst Spitzwegerich, zwischen Gänseblümchen und Klee, unauffällig, mit schmalen Blättern und braunen Ähren. Er ist die Pflanze, die jedes Kind für einen Mückenstich kennen sollte und die jeder Erwachsene für den Winterhusten kennen könnte. Und er ist die Pflanze, die die meisten Leute mähen, weil sie ihn für Unkraut halten.
Erkennen: Rippen und Fäden
Spitzwegerich bildet eine Rosette aus schmalen, lanzettlichen Blättern, zehn bis dreißig Zentimeter lang, mit fünf bis sieben deutlich parallel laufenden Längsrippen, die man auf der Unterseite mit dem Finger fühlt. Von Mai bis September stehen aus der Rosette blattlose, kantige Stiele mit einer kurzen, walzenförmigen, braunen Ähre, aus der beim Blühen die weißen Staubblätter ringförmig herausstehen.
Das sichere Merkmal ist der Fadentest: Ein Blatt vorsichtig quer auseinanderziehen. Die Blattnerven reißen nicht, sondern bleiben als feine, weiße Fäden zwischen den beiden Hälften stehen. Das kann keine Verwechslungspflanze.
Der Breitwegerich mit eiförmigen Blättern und der Mittlere Wegerich sind nahe Verwandte, ebenfalls essbar und ähnlich verwendbar, nur weniger aromatisch. Gefährliche Doppelgänger gibt es in der Wiese nicht. Wer trotzdem unsicher ist, sammelt nur Pflanzen mit der typischen Ähre.
Ernten: Wo, wann, wie
Die Blätter werden von April bis Oktober geerntet, junge, saubere Blätter aus der Mitte der Rosette, an einem trockenen Tag nach dem Abtrocknen des Taus. Für Sirup und Tee sind die Blätter vor der Blüte am gehaltvollsten, aber auch im Herbst, wenn die Pflanze noch einmal frisch austreibt, sind sie gut. Der Herbst ist die letzte Erntezeit vor dem Winter; im Frühjahr geht es ab März weiter.
Der Ort entscheidet über die Qualität: nicht an Straßen, nicht am Hundeweg, nicht auf gedüngten oder gespritzten Wiesen. Der eigene Garten, eine Wiesenecke, ein Feldrain abseits der Straße. Und nur so viel, wie man verarbeitet, von jeder Pflanze ein paar Blätter, damit sie weiterwächst.
Zu Hause werden die Blätter nicht gewaschen, sondern nur ausgeschüttelt und verlesen; gewaschene Blätter sind nass, und nasse Blätter sind der häufigste Grund, warum ein Schichtsirup schimmelt. Wer waschen muss, tupft die Blätter trocken und lässt sie eine Stunde auf einem Tuch liegen.
Der Schichtsirup: Ohne Kochen, ohne Gerät
Das Rezept ist so alt wie einfach, weil es nichts braucht als ein Glas, Blätter und Zucker oder Honig. Der Zucker zieht über Wochen den Saft aus den Blättern und konserviert ihn dabei.
- Blätter vorbereiten. Zwei gute Hände voll trockene, verlesene Blätter mit dem Messer in schmale Streifen schneiden, etwa einen halben Zentimeter.
- Erste Schicht. Ein sauberes, trockenes Schraub- oder Bügelglas, ein Liter, mit einer zwei Zentimeter dicken Schicht Blätter füllen und mit einem Löffel oder Stößel fest andrücken.
- Zucker. Eine Schicht Zucker darauf, bis die Blätter bedeckt sind. Wer Honig nimmt, gießt eine dünne Schicht flüssigen Honig darüber.
- Wiederholen. Blätter, andrücken, Zucker, Blätter, andrücken, Zucker, bis das Glas voll ist. Jede Schicht fest andrücken, damit keine Luft bleibt.
- Abschluss. Ganz oben eine fingerdicke Schicht Zucker. Deckel drauf.
- Warten. Das Glas kommt ins unterste Kühlschrankfach. Traditionell wurde es im Garten vergraben, weil dort die Temperatur am gleichmäßigsten ist; der Kühlschrank ist heute der sichere Ort, weil im rohen Ansatz Hefen und Keime arbeiten können. Acht Wochen. Nicht öffnen, nicht rühren.
- Abseihen und aufkochen. Nach acht Wochen ist alles zu einem dunklen Sirup zusammengefallen. Durch ein feines Sieb oder ein Tuch abseihen, die Blätter gut ausdrücken, den Sirup einmal kurz aufkochen und heiß in kleine, saubere Flaschen füllen. Kühl lagern.
Aus einem Literglas werden etwa 250 bis 350 Milliliter Sirup. Wer ihn länger als ein halbes Jahr aufheben will, kocht ihn nach dem Abseihen einmal kurz auf und füllt heiß ab; das kostet einen Teil der Inhaltsstoffe und bringt ein Jahr Haltbarkeit.
Erste Hilfe unterwegs: Das zerriebene Blatt
Die zweite Verwendung braucht kein Rezept. Bei einem Mückenstich, Bienenstich oder einer Brennnesselquaddel wird ein frisches Blatt zwischen den Fingern zerrieben, bis Saft austritt, und auf die Stelle gedrückt. Das kühlt, lindert den Juckreiz und ist die Anwendung, die viele noch von den Großeltern kennen. Auf einer Wanderung wird Spitzwegerich seit Generationen als erste Hilfe bei Stichen genutzt, und er wächst an jedem Wegrand.
Was Spitzwegerich in der Hausapotheke ist
Spitzwegerichblätter werden traditionell bei Reizhusten, Heiserkeit und gereizten Schleimhäuten in Mund und Rachen verwendet, als Tee und als Sirup. Die Europäische Arzneimittel-Agentur führt sie als traditionelles pflanzliches Arzneimittel für genau diesen Zweck. Verantwortlich sind vor allem Schleimstoffe, die sich schützend über die gereizte Schleimhaut legen, und Iridoidglykoside wie Aucubin, denen in der Forschung entzündungshemmende und antibakterielle Eigenschaften zugeschrieben werden.
Mehr behaupten wir hier nicht. Ein Löffel Sirup bei kratzendem Hals ist ein bewährtes Hausmittel, kein Medikament. Ein Husten, der länger als zwei Wochen dauert, Fieber, Atemnot oder ein hustendes Kleinkind gehören zum Arzt. Honig ist für Kinder unter einem Jahr tabu. Für Kinder unter drei Jahren wird Spitzwegerich nach der europäischen Arzneimittelagentur (HMPC) nicht empfohlen; bei ihnen gehört ein Husten ohnehin zum Kinderarzt. Wie Spitzwegerich mit Thymian, Holunder und Hagebutte zusammen die Winterapotheke bildet, steht in der Übersicht Heilkräuter aus dem eigenen Garten.
Spitzwegerich im eigenen Garten
Wer keine Wiese hat, sät ihn. Saatgut aus dem Fachhandel wird im April oder September breitwürfig auf eine offene, sonnige Fläche gestreut und angedrückt; er keimt in zwei bis drei Wochen und bleibt, weil er sich selbst aussät. Am besten passt er in die Wildblumenwiese, den Wiesensaum oder einen Streifen Rasen, der nur zweimal im Jahr gemäht wird. Dort ist er außerdem Futterpflanze für die Raupen mehrerer Scheckenfalter, und seine Samen werden im Winter von Finken gefressen. Was ein solcher Wiesenstreifen sonst noch für den Garten tut, steht im Beitrag über den Naturgarten.
Häufige Fehler
Nasse Blätter geschichtet. Der Ansatz schimmelt in der zweiten Woche. Trocken ernten, nicht waschen.
Zu locker geschichtet. Lufteinschlüsse, ungleichmäßiger Auszug. Jede Schicht fest andrücken.
Zu früh geöffnet. Nach zwei Wochen ist es Zuckerbrei, nach acht ein Sirup. Warten.
An der Straße gesammelt. Reifenabrieb und Abgase auf dem Blatt. Garten, Wiese, Feldrain.
Honig für das Baby. Kinder unter einem Jahr bekommen keinen Honig. Zucker oder gar nichts.
Ganze Blätter geschichtet. Der Zucker kommt nicht heran. Schneiden, dann schichten.
Regionale Unterschiede
Spitzwegerich wächst in ganz Deutschland vom Flachland bis in die Alpen. In mittleren Lagen sind Mai und September die besten Erntemonate; in feuchten, milden Lagen treibt er nach der Mahd im Sommer schneller nach und kann öfter geschnitten werden, in trockenen Sommern werden die Blätter hart und die Herbsternte fällt kleiner aus. Wer in Höhenlagen wohnt, erntet im September, bevor der erste Frost die Blätter weich macht. Was sonst im Oktober zu tun ist, steht im Gartenjahr für den Oktober.
Fazit
Spitzwegerich wächst auf jedem Weg, ist an den Rippen und Fäden sicher zu erkennen und wird im Schraubglas mit Zucker in acht Wochen zu Sirup, ohne Kochen und ohne Gerät. Zwanzig Minuten Arbeit heute, ein Glas, das den ganzen Winter dasteht.
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Oder direkt auf YouTube ansehenHäufige Fragen
Womit kann ich Spitzwegerich verwechseln?
Mit dem Breitwegerich und dem Mittleren Wegerich, beide ebenfalls essbar und ähnlich verwendbar, mit breiteren, eiförmigen Blättern. Gefährliche Verwechslungen gibt es praktisch nicht, wenn man auf die parallelen Längsrippen und die Fäden achtet; Vorsicht beim Maiglöckchen: Es ist stark giftig und hat ebenfalls parallele Blattnerven. Der Unterschied: Spitzwegerich wächst als flache Rosette direkt aus dem Boden auf der Wiese, Maiglöckchenblätter stehen meist zu zweit an einem Stängel im Wald oder Gehölzrand; beim vorsichtigen Auseinanderreißen eines Spitzwegerichblatts bleiben weiße Fäden stehen, beim Maiglöckchen nicht; und die Blütenähre des Spitzwegerichs ist unverwechselbar. Wer unsicher ist, nimmt nur blühende Pflanzen mit der typischen Ähre.
Sirup mit Zucker oder mit Honig?
Beides funktioniert. Zucker zieht den Saft zuverlässiger aus den Blättern, ist billiger und für alle geeignet. Honig bringt eigene Inhaltsstoffe mit und wird traditionell bevorzugt, ist aber teurer, zieht langsamer und darf nicht an Kinder unter einem Jahr gegeben werden. Ein Mittelweg ist Zucker zum Schichten und ein Löffel Honig beim Abfüllen.
Muss ich den Sirup wirklich vergraben?
Nein. Das Vergraben ist die alte Methode, um eine gleichmäßig kühle, dunkle Umgebung ohne Temperaturschwankungen zu haben. Heute nimmt man das unterste Fach im Kühlschrank; der rohe Ansatz ist ein Lebensmittel, in dem Hefen und Keime arbeiten können, und im Kühlschrank bleibt er sicher. Nach dem Abseihen wird der Sirup kurz aufgekocht. Wichtig ist: kühl, dunkel, acht Wochen, nicht öffnen.
Wie lange hält Spitzwegerich-Sirup?
Abgeseiht und in saubere kleine Flaschen gefüllt hält er im Kühlschrank etwa sechs Monate, mit hohem Zuckeranteil auch länger. Wer ihn länger lagern will, kocht ihn nach dem Abseihen kurz auf und füllt heiß ab; dabei gehen einige Inhaltsstoffe verloren, dafür hält er ein Jahr im Regal.
Kann ich Spitzwegerich auch als Tee nutzen?
Ja. Ein bis zwei Teelöffel getrocknete, kleingeschnittene Blätter auf eine Tasse, mit heißem Wasser übergießen, zehn Minuten ziehen lassen, bis zu dreimal täglich. Die Blätter werden im Schatten dünn ausgelegt schnell getrocknet, sonst werden sie braun. Tee und Sirup sind die beiden traditionellen Formen, die auch die Europäische Arzneimittel-Agentur beschreibt.
Quellen und weiterführende Hinweise
- Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), HMPC: Plantaginis lanceolatae folium (Spitzwegerichblätter)
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Selten, aber vermeidbar – Fragen und Antworten zum Botulismus (Honig und Säuglinge)
- Bundeszentrum für Ernährung (BZfE): Ernten von Obst und Gemüse am Wegesrand – Regeln
Geschrieben von
Susi & das Gartenteam
Ich bin Susi, die Stimme unseres Gartenteams. Wir gärtnern ohne Chemie, filmen, was wir tun, und schreiben es hier so auf, dass es sich im eigenen Garten nachmachen lässt, auch das, was bei uns schiefgegangen ist. Auf YouTube, TikTok und Instagram zeigen wir die Handgriffe im Video, hier stehen sie ausführlich zum Nachlesen.
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